Photo 165

Director Text

030 21 28 08 14
Potsdamer Straße 83
10785 Berlin
Germany
Tweets loading…

ESPI on site: Den (roten) Rahmen sprengen

Dsc 6795 Stefan Kiefer Spiegel Titel
Foto: Paul Woods

Seinen Vortrag auf der TYPO Berlin nennt Ressortleiter, Art Director und DJ Stefan Kiefer „Im roten Rahmen“ und erinnert als erstes daran, dass DER SPIEGEL ein wöchentliches Periodikum ist, und was das an Stress bedeutet. Es kommt vor, dass er freitags aus dem Kino geholt wird – wenn er sich überhaupt aus der Redaktion weggewagt hat.

„Was ich heute erzählen möchte, hat sehr viel mit Beständigkeit zu tun“: Der SPIEGEL sei „etwas Beständiges“ in der Medienlandschaft in Deutschland, wenn nicht weltweit; er ist über 60 Jahre alt. Und das, was sich wie ein roter Faden durch den roten Rahmen des Titels zieht, so Kiefer, ist die Idee.

George Bush und die Brezel

Der erste SPIEGEL Titel erscheint 1947, der berühmteste 1962, mit Rudolf Augstein, der wegen der SPIEGEL Affäre kurzzeitig ins Gefängnis wandert. Ein weiterer Titel, der auf ganz andere Weise für Furore sorgte: „DIE BUSH KRIEGER“ mit George Bush als Conan, der Barbar, dazu seine Mitstreiter als weitere Kampfhelden der Popkultur. Das Weiße Haus rief an und fragte, ob man Poster davon haben könne. Die Plakate wurden tatsächlich geliefert – und im weiteren Verlauf von George Bush wohlwollend aufgenommen. Der fühlte sich sehr geschmeichelt und „1A getroffen“. Und das, obwohl auf seiner Brust im Motiv eine Brezel prangte – die Idee kam von Stefan Aust. Kiefer lüftet „das Rätsel mit der Brezel“: Bush hatte sich beim Brezelessen verschluckt und war dabei zudem über sein Hündchen gestolpert. Das ganze Weiße Haus war darob in Sorge, doch bekanntermaßen hat Bush überlebt. Auch das SPIEGEL Titelbild

SPIEGEL Titel überraschen immer wieder, weil sie optische Erwartungen unterlaufen: Einstein mit eben nicht herausgestrecker Zunge oder das unschuldige Schulmädchen mit überdimensionaler Cannabis- statt Schultüte zeugen von diesem Gestaltungsprinzip. Der Text wird kurz, prägnant und oft provozierend dazugestaltet; die kürzeste SPIEGEL Headline aller Zeiten war das „Ich“ zum Titelmotiv Boris Becker.

Zwischendurch flicht Kiefer ein, dass er nach eigener Einschätzung zwar nicht viel Ahnung, doch ein großes Faible für Typografie hat. Er habe Schrift noch mit der Feder zeichnen gelernt, musste das aber irgendwann „völlig transzendieren“ und hinter sich lassen, als er beim SPIEGEL anfing. Er äußert Dank „an den Zwischenrufer“ Jürgen Siebert, bedankt sich ausdrücklich beim FontShop und bei all den Schriftgestaltern, „die hier sitzen“, nennt ausdrücklich Erik Spiekermann: Kiefers Lieblingsschrift, die Info, sei von ihm, sehr gern arbeite er auch mit der Meta und der Officina, auf einigen Titeln sieht man TheSans und TheSerif von Luc(as) de Groot; überhaupt besticht ein sorgfältiger und manchmal dramatischer Umgang mit Typografie auf den SPIEGEL Titeln – den jeweiligen Aufmacherthemen entsprechend.

Feinsinnige Vorbilder – und Leser

Stefan Kiefers großer Dank geht außerdem an Loriot, diesen „feinsinnigen“ Menschen, der „so eine Ideenwelt“ erzeugt hat, „die wir alle verinnerlicht haben“. Der schlichte SPIEGEL Titel zu Loriots Tod lautete „Loriot – Eine Verneigung“ und zeigt ein ernstes Loriot-Männchen mit der berühmten Knollennnase. Dieses Knollenmännchen war schon 1976 einmal auf dem Titel gewesen, die Originalzeichnung dazu natürlich noch vorhaben; nun wurde lediglich die gepunktete Fliege von 1976 in eine schwarze Fliege verwandelt. Die Ehrerbietung „an diesen großartigen Künstler und Humoristen“ löste eine Welle an Leserbriefen aus, wie sie DER SPIEGEL und Stefan Kiefer so „nie vorher und nie nachher“ erlebt haben. Die Briefe sind alle zu finden auf der SPIEGEL Website unter der Zusammenfassung „Voller Witz und Wärme“. Stefan Kiefer hatte zum ersten Mal beim Lesen von Leserbriefen Tränen in den Augen.

Ein weiteres großes Vorbild für Kiefer: Rudolf Augstein, natürlich, der Gründer des Blattes. Von ihm stammt das Motto des Hauses: „Schreiben, was ist“, Titel-Headline zum 60-jährigen SPIEGEL Jubiläum.

Nach neun Jahren nur s/w-Fotos (Ausnahme: die „farbige“ Künstlerin Eartha Kitt) gab es die erste farbige Illustration auf dem Titel. Kernmotiv war der neugewählte sozialistische Bürgermeister von Florenz, der beauftragte Zeichner baute zum nach Fotovorlage nachgezeichneten Gesicht eine Renaissance-Stadtansicht von Florenz in den Hintergrund – alles zusammen in einer einzigen Original-Illustration (nix Photoshop). Dieses Prinzip hat der SPIEGEL für den Titel zweimal kopiert, einmal für Gerhard Schröder (Porträt der Fotografin Gabo) aus Anlass seiner Memoiren. Überhaupt, Gerhard Schröder: 47 Titel insgesamt wurden ihm gewidmet. Ein Favorit von Stefan Kiefer war die Headline „Der halbierte Kanzler“ mit halbem Schröder-Foto, mit zerfurchtem Gesicht, direkt nach der Pressekonferenz, die Schröder nur noch als Kanzler und nicht mehr als Parteivorsitzender verließ.

Für den SPIEGEL Titel wurde sehr oft haptisch gearbeitet. So baute man einmal kniehohe Buchstaben-Skulpturen „CDU“, um sie anschließend zu verbrennen und das zu fotografieren. Leider kam die Headline „Heißes Geld“ dazu, das Bild hätte keinen Text gebraucht, so Kiefer, er wurde dazu „genötigt“.

Den Puls der Welt fühlen

Als Referenz an den Markboro-Claim „Der Geschmack von Freiheit und Abenteuer“ setzte DER SPIEGEL die Headline „Der Frust der Freiheit“ auf den Titel, in der (damaligen) Marlboro-Schrift. Das Thema: die Öffnung der DDR, im Bild zu sehen der Übergang Bornholmer Straße, Berlin, der Drang der Menschen in den Westen, hin zu den West-Produkten, den West-Zigaretten, so die Assoziationskette, die mehr oder weniger subtil durch die Titelgestaltung ausgelöst wird.

Das Thema Zensur betrifft den SPIEGEL immer wieder. Bei dem Titel „Singles – Zwischen Freiheit und Einsamkeit“ mit einem Bildzitat nach René Magritte mussten die abgebildeten nackten Menschen für die Ausgabe Dubai mit schwarzen Querbalken versehen werden. Bei dem Titel „Wozu Sex?” wurden vor Versand nach Dubai die Illustrationen kopulierender Tiere geschwärzt, sogar die klitzekleine Abbildung eines Igels, der – die Idee kam von Stefan Kiefer – eine Bürste beklettert.

Manche Titel gab es in Varianten: Rekord waren die acht verschiedenen möglichen Ansichten eines Würfels. Für den Titel „Gewalt im Klassenzimmer – Wenn Lehrer nicht mehr weiterwissen“ wurde erstmalig ein (stark vergrößertes) Handyfoto verwendet. Exklusiv vorab zeigt uns Kiefer schließlich den SPIEGEL Titel vom kommenden Montag mit der treffenden Headline „Ziemlich beste Feinde“ – Die Koalition der Kälte“. Das Motiv wird noch nicht verraten, dürfte aber keine große Überraschung sein.

Stefan Kiefer1
Foto: Christine Wenning

Titelbildgestaltung ist für Kiefer „vor allem Ideenfindung“. Die Umsetzung kann Minuten oder Stunden kosten. Für das Thema Optimismus sollte alles rosarot sein. Im Fotostudio wurde ein Zimmer komplett in Rosa nachgebaut, in einer mehrstündigen, ganztägigen Session, mit mehr als 1.000 Fotos – für den SPIEGEL sehr ungewöhnlich. Doch „wir müssen“, so Kiefer, „den Puls der Welt fühlen, wir müssen Angela Merkel den Puls fühlen, und dem Chefredakteur manchmal auch“. Und feinfühlig reagieren, immer bereit zu Ausnahmen von selbstgesetzten oder entstandenen Regeln. Das Ereignis 9/11 und die Folgen führten erstmalig dazu, dass DER SPIEGEL 12 Titel zum gleichen Thema in Folge schaltete.

Aufwand und Wirkung

Kiefer zeigt uns auch Titel, die nicht veröffentlicht wurden: der bekiffte Bundeswehr-Soldat, die Headline „Weggetreten“ für die Befindlichkeit unserer Soldaten, oder der Titel „Väterchen Frost“: Putin mit verschränkten Armen und eisigem Blick auf einer Pipeline stehend, die er offenbar mit seinem Gewicht zusammendrückt und so die Gaszufuhr für Europa sperrt.

Manche Titel wurden zu Kunstwerken, so die Beatles-Zeichnung von Klaus Vormann, ein Freund Kiefers, der das berühmte Beatles-Cover zur LP „Revolver“ zeichnete (und fast Bassist wurde bei den Jungs aus Liverpool, die damals in Hamburg zu Gast waren – bevor Paul von Gitarre zu Bass wechselte). Der Titel entstand aus Anlass des 50. Jahrestages der Beatles und verkaufte sich in einer Auflage von 999 Kunstdrucken innerhalb von drei Tagen.

Als nur ein paar von vielen Klassikern unter den SPIEGEL Titeln zeigt uns Stefan Kiefer den mystifizierten Ché Guevara mit einem Heiligenschein aus rotierenden Patronen, Marx mit Victory-Geste (als Fotovorlage für die Hand diente allen Ernstes das berühmt-berüchtigte Foto des triumphierenden Josef Ackermann), Sigmund Freud mit der Textzeile „Der Sex und das Ich“ und schließlich Friedrich Schiller mit Flammenhaar – Headline „Der Atem der Freiheit“. Der abschließende Drei-Minuten-Film illustriert den Aufwand, mit dem ein solcher SPIEGEL Titel bzw. das Originalbild dazu entsteht: Friedrich Schiller mit flammendem Haar wird in Öl gemalt nach historischem Vorbild. Was für ein Aufwand.

Stefan Kiefer ist davon überzeugt, dass dieser Aufwand sich lohnt. Im Gespräch im Nachgang betont er, dass natürlich nicht alle Leute erkennen oder darauf achten, dass die SPIEGEL Titelbilder Originale sind – dass die SPIEGEL Titel aber genau deswegen so unverwechselbar sind und bei den Betrachtern, bewusst oder unbewusst, wirken. Und dass der Aufwand deshalb keineswegs zu hoch ist – eine Haltung, die zur Beständigkeit (nicht nur) des SPIEGELS beiträgt.

Englischer Beitrag von Paul Woods im TYPO Berlin Blog: „In the Red Frame“.

PS: Am kommenden Freitag und Samstag (25./6.05.2012) ab ca. 19:00 Uhr ist Stefan Kiefer als DJ DisCover in Berlin und legt „GrooveSmoothFunkJazz“ auf, oder auch „THE LEGENDARY SHAVE SOUND“ – im Hof des Alten Postfuhramtes bei C/O Berlin, zur Eröffnung der Fotoausstellungen „Rafla Milach“ und „Larry Clarke“ (sehr zu empfehlen, aber erst ab 18). Eintritt frei, Freunde mitbringen!

ESPI on site: Öko-Designerin Petz Scholtus auf der TYPO 2012

Kann gutes Design uns aus der ökologischen, finanziellen, emotionalen und sonstigen Krise führen? Petz Scholtus, geboren 1980 in Luxemburg, lebt und arbeitet heute in Barcelona, begreift sich als Öko-Designerin und verweist einleitend auf die 10 Prinzipien von Dieter Rams aus den 70ern, um kurz darauf an die Knappheit unserer Ressourcen zu erinnern und festzustellen: „good design is complicated“. Was für ein Ritt. Sie spricht schnell und hat die TYPO Hall schnell auf ihrer Seite.

Petz Scholtus realisiert mit ihrem Studio Poko Design unter anderem  das „R3project“, die  umweltfreundliche Renovierung des „Barrio Gótico“, ein Viertel in Abarcelona, das zum alten Stadtkern gehört. Mit ihrem begleitenden Blog über das Projekt motiviert Scholtus zu einem umweltverträglichen Lebensstil. Scholtus hat „o2Spain“ mitbegründet, den spanischen Zweig des „o2“ Öko-Design-Netzwerks, und die „Pecha Kucha Nights“ nach Barcelona gebracht. Zudem ist sie die treibende Kraft hinter „Barcelona Green Map“, dem grünen Stadtplan für Barcelona, was sie zur Stadt-Expertin macht und mit anderen Kreativen vor Ort verknüpft.

Scholtus zeigt uns bei ihrem Vortrag in rasanter Abfolge wunderschöne Möbel aus Recycling-Materialien und Beispiele dafür, dass nicht unbedingt „grüner“ ist, was grüner erscheint. So ist der Hummer H2 nach umfassender Analyse insgesamt weit weniger umweltschädlich als ein Toyota Prius. Ökobilanzen, solide durchgeführt unter Einbeziehung des gesamten Produktzyklus’, lügen nicht. Solche Produktzyklen schaut sich Scholtus genau an und bezieht dabei (sehr selbstverständlich) den interessanten Gedanken mit ein, dass Produkte auch emotional überdauern müssen: Sie müssen in Mode bleiben, damit wir sie gern behalten und lange benutzen.

Sehr nachhaltig, wenn auch gelinde fragwürdig ist die Idee, T-Shirts herzustellen, die man gar nicht waschen muss, oder Jeans, die man statt in die Waschmaschine in die Tiefkühltruhe steckt: Das tötet zwar Bakterien, nicht aber Kaffeeflecken, stellt Scholtus treffen fest. Nützlicher erscheinen ökologische Fußabdrücke als Teil der Produktinformation zum Beispiel bei Kartoffeln, um Kaufentscheidungen im Supermarkt spontan danach ausrichten zu können.

Petz Scholtus zeigt uns im Schnelldurchlauf unzählige wunderschöne, originelle Beispiele für nachhaltiges, interaktiv wirkendes Grafik- und/oder Produkt-Design. In Erinnerung bleibt zum Beispiel die Tischdecke, die mit jedem Rotweinfleck schöner wird: weil sie sich damit selber einfärbt. Oder Teller, die die Radioaktivität messen, die man mit jeder Mahlzeit zu sich nimmt. Undsoweiter, undsofort ...

„Wow, full of content“, stellt die Moderatorin nach Petz Scholtus’ Vortrag fest. Allerdings!

www.pokodesign.com

Ein besonders schönes Beispiel für Öko-Design: das Gurtbett – The Only Tools You Need To Build This Bed Are Ratchet Straps. Weitere Öko-Möbel hier (Grofurniture) und hier (Roca). Und Papier aus mineralischem Puder, als nur ein Beispiel innovativer, ökologisch sinnvoller Materialien: Terraskin. Für alle, die noch tiefer einsteigen wollen, empfehlen sich diese 55 Öko-Designer sowie weitere spannende Produkt- und sonstige Aktivisten, ansässig in diversen europäischen Ländern: das Magazin Treehugger, Platform21, EcoAlf, Diffus, Ducotedechezvous.

Hier geht es zum englischen Beitrag im TYPO Blog und zum TYPO Berlin Interview mit Petz Scholtus.

Typo2012 Scholtus1
Foto: Gerhard Kassner

ESPI on site: „A User Experience Designer“ auf der TYPO 2012

Nat Hunter eröffnet ihren Vortrag „Wie ist das passiert?“ („How did this happen?“) mit der Selbstbeschreibung „I am a user experience designer“. Huch. Das machen die in England auch? Und nennen es genauso wie wir? Dann erzählt sie fröhlich, dass sie ihre Agentur „Airside“ vor kurzem geschlossen hat – und zeigt zwei Fotos ihrer beiden Partner und sich, damals und heute: 1998–2012. Auf beiden Aufnahmen sehen wir drei fröhliche Menschen, die gleichen Menschen, kaum verändert, aus der Vogelperspektive. Der einzige Unterschied nach 14 Jahren sei der, „dass wir gelernt haben, nicht mehr so schreckliche Sandalen zu tragen“. Und trotzdem sei heute alles anders als damals.

Airside Ends Image1Airside Ends Image2
Fred Deakin, Alex Maclean and Nat Hunter zu den Anfängen von Airside und heute.

Zuerst war Nat Hunter Grafik-Designerin, CD-Hüllen-Gestalterin, dann „Interaction Designer“. Davon war sie begeistert, es war ganz ihr Ding: „to provoke – and get a reaction. I was in heaven“. Die Gestaltung von Websites als neues Aufgabenfeld ergab sich fast automatisch, und Hunter erkannte schnell, dass es hier und heute um „organizational change“ geht – und nicht nur um Design. „Form and function“ interessieren sie, und damit mehr das Lösen von Problemen als „the style end“. Speziell bei digitalen Projekten sieht sie iterative Prozesse notwendiger- und erfreulicherweise als Teil der Entstehung von guter Gestaltung.

Von hier aus geht sie weiter zu der Frage, ob und wie Nachhaltigkeit und Gestaltung zusammenhängen. Sehr sachlich stellt Hunter fest, dass die meisten Designer ihre Aufgabe nicht im Bereich von „behavioural change“ sehen. Warum und wie Bewusstsein verändern? Kaum jemanden interessiert das tatsächlich. Dabei können Erfahrungen Verhalten ändern. Manchmal genügt ein einziges Schlüsselerlebnis, wie drei allein verbrachter Tage in beeindruckender Landschaft, um den Antrieb in Gang zu setzen, dass jemand Nationalparks und Naturschutzgebiete gründet.

Ebenso kann jemand, können Gestalter getrieben sein, zum Beispiel den nachhaltigsten Jahresbericht ever zu gestalten und zu publizieren.

Diese Feststellung wirft (Überlegung der Autorin) ein interessantes neues Licht auf den Begriff „(user) experience designer“. Den „user“ darin wegzulassen, erweitert die Idee: Wir gestalten Erfahrungen. Ob Erfahrungen von „Nutzern“, „Verbrauchern“, „Endkunden“ – ein Wort schlimmer als das andere – ist dabei egal. Wir gestalten Erfahrungen von Menschen, anderer Menschen, aufgrund, logischerweise, unserer eigenen Erfahrungen. Hier wird es sehr grundsätzlich. Und sehr aufregend. 

Nat Hunter
Foto: Luc(as) de Groot

Hunter erzählt von dem Auftrag „a Facebook for farmers“: einem Projekt, damit Landwirte in aller Welt Wissen austauschen und sich informieren können. Das Problem war natürlich die mangelhafte technische Ausstattung in den Weiten Afrikas. Oder, positiv gewendet: das einfachste Nokia-Handy war kleinster gemeinsamer technischer Nenner, also Ausgangsbasis. Und ebenso die Tatsache, dass und wie viele Menschen schlicht keine Verbindung zur Außenwelt, ja nicht mal zum nächsten Dorf haben. „Extremely isolated people“ sollten verbunden werden, dabei ging es bei dem Projekt. Was für eine schöne Aufgabe. Nicht anders zu lösen, als dass sich Gestalter in die Lebenswelten der (später) Beteiligten hineinversetzen.

Das wundervolle Ergebnis „WeFarm“ überwindet die Grenzen nicht nur von Dorf zu Dorf, sondern von Sprachen, Ländern und Kontinenten. Kaffee- und Kakaobauern in Südamerika und Afrika können sich austauschen und gegenseitig helfen. Durch neutral gehaltene Nutzernamen gelingt „creating trust between strangers“ – WeFarm respektiert Privatsphären, akzeptiert alle Beteiligten als gleichberechtigt, unabhängig von ihrem Wohnort, ihrer Hautfarbe, ihrem Geschlecht oder Alter, ihrer religiösen oder staatlichen Zugehörigkeit. 

Hunter fasst (mit weiteren tollen Projektbeispielen) zusammen: Nach Jahren des „traditionellen“ Designs stellen wir heute fest, dass wir via Design (im Wortsinn von  Gestaltung) wirklich die Welt – und unsere Erfahrungen, die Erfahrung anderer Menschen (Einschübe der Autorin) – verändern können.

Airside

www.wefarm.info

More posts by Sonja Knecht: